Am 15. September erinnern zwei Einschnitte an die widersprüchliche deutsche Geschichte: 1935 beschloss der Reichstag in Nürnberg die Nürnberger Gesetze, während 1949 Konrad Adenauer in Bonn zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde. Der Tag steht damit zugleich für den staatlich organisierten Ausschluss von Menschen und für den demokratischen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute helfen Museen, Gedenkorte und Parlamentsarchive dabei, beide Entwicklungen im Zusammenhang zu verstehen.
15. September 1935: Die Nürnberger Gesetze machten Diskriminierung zu Staatsrecht
Am 15. September 1935 verabschiedete der Reichstag während des Reichsparteitags der NSDAP in Nürnberg zwei zentrale Gesetze: das Reichsbürgergesetz und das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre. Beteiligt waren der nationalsozialistisch kontrollierte Reichstag, die Reichsregierung und staatliche Behörden des Deutschen Reiches.
Das Reichsbürgergesetz teilte die Bevölkerung rechtlich in unterschiedliche Gruppen ein. Jüdische Menschen verloren wesentliche politische Rechte und wurden nicht mehr als gleichberechtigte Reichsbürger anerkannt. Das sogenannte Blutschutzgesetz verbot unter anderem Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen, wie die nationalsozialistische Ideologie diese Gruppen definierte.
Die langfristige Folge war eine systematische Entrechtung. Ausgrenzung, Berufsverbote, Enteignungen und Überwachung wurden durch weitere Verordnungen verschärft. Die Gesetze bildeten damit einen wichtigen rechtlichen Baustein für die späteren Deportationen und den Holocaust. Sie waren nicht der Beginn des Antisemitismus, aber sie machten rassistische Ideologie zu verbindlichem staatlichem Handeln.
Warum Nürnberg als Ort wichtig ist
Nürnberg war nicht nur Tagungsort des Reichstags, sondern auch ein zentraler Schauplatz nationalsozialistischer Inszenierung. Die Stadt wurde nach 1945 erneut zu einem Erinnerungsort: Im Nürnberger Justizpalast fanden ab 1945 die Prozesse gegen führende Vertreter des NS-Regimes statt. Dadurch verbindet sich der Ort mit zwei gegensätzlichen Kapiteln deutscher Geschichte – der juristischen Verfolgung und der späteren Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen.
15. September 1949: Adenauer wurde in Bonn zum Bundeskanzler gewählt
Vierzehn Jahre später markierte derselbe Kalendertag einen politischen Neubeginn. Am 15. September 1949 wählte der Deutsche Bundestag in Bonn Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Adenauer erhielt die erforderliche Mehrheit mit nur einer Stimme Vorsprung. Die Wahl fand wenige Tage nach der konstituierenden Sitzung des ersten Bundestages statt.
Beteiligt waren der Deutsche Bundestag, die Abgeordneten der ersten Bundestagswahl und der Bundespräsident Theodor Heuss, der Adenauer anschließend ernannte. Bonn wurde zum vorläufigen Regierungssitz der Bundesrepublik. Die Bundesrepublik war im Mai 1949 gegründet worden; mit der Kanzlerwahl erhielt ihre parlamentarische Ordnung nun eine handlungsfähige Regierung.
Die langfristige Folge war die Entwicklung einer stabilen parlamentarischen Demokratie in Westdeutschland. Das Grundgesetz legte dabei Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik fest, etwa die starke Stellung des Bundeskanzlers, das konstruktive Misstrauensvotum und den Schutz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Adenauers Wahl darf jedoch nicht als vollständiger Neubeginn ohne personelle und gesellschaftliche Kontinuitäten verstanden werden. In Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft wirkten auch Menschen weiter, die bereits im NS-Staat tätig gewesen waren. Gerade deshalb gehört zur Geschichte des 15. September beides: die demokratische Institutionenbildung und die kritische Frage, wie konsequent die junge Bundesrepublik mit ihrer Vergangenheit umging.
Was beide Ereignisse miteinander verbindet
Die Ereignisse liegen vierzehn Jahre auseinander, gehören aber zu einer gemeinsamen deutschen Erinnerungsgeschichte. 1935 zeigte sich, wie staatliche Institutionen zur Ausgrenzung und Verfolgung missbraucht werden können. 1949 entstand ein parlamentarischer Rahmen, der Macht begrenzen und politische Verantwortung öffentlich kontrollierbar machen sollte.
Für den Alltag bedeutet diese Verbindung mehr als eine historische Datumsnotiz. Gleichheit vor dem Gesetz, Menschenwürde, freie Wahlen und parlamentarische Kontrolle sind keine abstrakten Begriffe. Ihre Bedeutung wird verständlicher, wenn man nachvollzieht, was verloren geht, sobald ein Staat Menschen nach Herkunft oder zugeschriebener Abstammung unterschiedlich behandelt.
Wie der 15. September heute eingeordnet werden kann
Wer die Geschichte vertiefen möchte, kann die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums besuchen oder die digitalen Angebote von LeMO nutzen. Dort lassen sich politische Entscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen und biografische Erfahrungen über längere Zeiträume hinweg einordnen.
Auch der Deutsche Bundestag stellt Materialien zur Parlaments- und Demokratiegeschichte bereit. Für einen Besuch in Nürnberg bietet das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände einen Zugang zur Geschichte des NS-Propagandaortes. Der Nürnberger Justizpalast erinnert zudem an die internationalen Prozesse nach dem Krieg.
Hilfreich ist es, bei historischen Darstellungen auf drei Punkte zu achten:
- Ist das Datum durch ein Museum, Archiv oder eine Gedenkstätte belegt?
- Werden Gesetzestexte und ihre praktischen Folgen voneinander unterschieden?
- Kommen neben politischen Institutionen auch die betroffenen Menschen zu Wort?
So wird aus dem Tagesrückblick eine Verbindung zwischen Erinnerungskultur und demokratischer Gegenwart. Der nächste überprüfbare Meilenstein für die Einordnung bleibt der 15. September 2026: Dann lässt sich erneut anhand der Angebote von LeMO und des Deutschen Bundestages prüfen, welche Ausstellungen, Quellen und Bildungsformate den Jahrestag aktuell aufgreifen.
Quelle: Deutsches Historisches Museum
Kontext und Aktionen Über diesen Artikel
Quellenprüfung Historische Einordnung
Die Darstellung orientiert sich an den historischen Angeboten des Deutschen Historischen Museums und des Deutschen Bundestages.
- Jahreszahlen und politische Institutionen
- Ort der Nürnberger Gesetzgebung
- Wahl des ersten Bundeskanzlers 1949
- Quelle
- Deutsches Historisches Museum – LeMO
- Umfang
- Deutschland
- Aktualisiert
- 2026-09-15 08:32
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